Zweihundertzwölf Karteikarten
12 Dezember 2025 · 3 Min. Lesezeit
Zweihundertzwölf Sätze sind etwas anderes als siebenundvierzig. Bei Hanna konnte ich mir noch vorstellen, den ganzen Text auf einmal im Kopf zu haben. Frieda ist fast die ganze Zeit auf der Bühne. Sie streitet mit ihrem Mann, verheiratet ihre Tochter und wirft im dritten Akt einen Viehhändler aus der Küche, und das alles auf Platt. Die Proben haben Mitte Oktober begonnen, und bis zu diesem Wochenende sollte der erste Akt ohne Buch sitzen.
Ich lerne diesmal mit Karteikarten. Auf die Vorderseite schreibe ich das Stichwort, also das Ende des Satzes vor meinem, auf die Rückseite meinen Satz. Es sind 212 Karten in einem Schuhkarton, nach Akten mit Gummibändern gebündelt. Morgens beim Frühstück gehe ich zwanzig Karten durch, abends noch einmal dieselben, und was beim zweiten Mal nicht sitzt, wandert nach vorn.
Das Zweite ist mein Mann. Er spricht kein Platt, liest aber abends alle anderen Rollen vor, langsam und mit Betonungen, über die wir beide lachen müssen. Das hilft mehr, als man denkt, weil man nicht nur die eigenen Sätze lernt, sondern auch den Rhythmus der Szene. Das Dritte sind die Gänge. Im Wohnzimmer stehen vier Stühle für Herd, Tisch, Anrichte und Tür, und ich spiele die Szenen im Gehen, weil ich im letzten Winter gemerkt habe, dass der Text an den Wegen hängt. Stehe ich am falschen Stuhl, fehlt mir der Satz.
Wie viele Sätze bei der Freitagsprobe ohne Hilfe kamen:
- 17. Oktober: erster Akt mit Buch, nichts zu zählen;
- 7. November: 48 von 71 Sätzen im ersten Akt;
- 28. November: 66 von 71;
- heute: alle 71, dazu 39 von 84 im zweiten Akt.
Der dritte Akt hat 57 Sätze und den Viehhändler. Den spielt ein junger Mann aus dem Nachbardorf, der zum ersten Mal mitmacht und noch schlechter Platt spricht als ich, was mich ehrlich gesagt ein wenig tröstet. Premiere ist am 24. Januar.