Achtern Vörhang

Siebenundvierzig Sätze auf Platt

18 Oktober 2024 · 3 Min. Lesezeit

Das Stück ist eine Komödie um einen Bauernhof, den keiner verkaufen will, und ich spiele die Nachbarin Hanna, die im zweiten Akt über den Gartenzaun lauscht und alles falsch versteht. Hanna hat siebenundvierzig Sätze. Ich habe sie mit gelbem Textmarker im Textbuch angestrichen und in den ersten Tagen mehrmals nachgezählt, als könnten es dabei weniger werden.

Platt lesen ist etwas anderes als Platt hören. Auf dem Papier sieht vieles fremd aus, obwohl ich es sofort verstehe, sobald es jemand ausspricht. Mein erster Satz ist eine Frage über den Zaun: Wat seggst du dor? Gelesen klang das bei mir wie Hochdeutsch mit Fehlern. Bei der ersten Leseprobe hat mich die Spielleiterin freundlich gebeten, es noch einmal zu sagen, so wie meine Oma es gesagt hätte. Ich habe die Augen zugemacht, und es ging.

Seitdem lerne ich so: Ich lese einen Satz laut, mache die Augen zu und sage ihn so, wie ich ihn in der Küche meiner Oma gehört hätte. Erst wenn er so klingt, lerne ich ihn auswendig. Gelernt wird abends am Küchentisch, zwanzig Minuten am Stück nach der Küchenuhr, und morgens auf dem Fahrrad zur Arbeit, wo mich niemand hört außer den Kühen am Weg.

So weit bin ich nach drei Wochen:

  • erster Akt, sechs Sätze: sitzen;
  • zweiter Akt, achtundzwanzig Sätze: sitzen, aber nur in der richtigen Reihenfolge;
  • dritter Akt, dreizehn Sätze: auf dem Papier;
  • Stichworte, also die Sätze der anderen, nach denen ich dran bin: gut die Hälfte.

Die Stichworte habe ich unterschätzt. Es reicht nicht, die eigenen Sätze zu können, man muss auch wissen, wann sie kommen, und das hängt an den Sätzen der anderen, die bei uns jeder ein wenig anders spricht, je nachdem, aus welchem Dorf seine Eltern stammen. Geprobt wird dienstags und freitags von acht bis zehn im Saal der Gaststätte, die Premiere ist Ende Januar. Heute Abend, bei der Probe vom zweiten Akt, habe ich zum ersten Mal ohne Textbuch auf der Bühne gestanden. Zweimal musste die Souffleuse helfen. Sie heißt Gerda, ist seit dreißig Jahren dabei und sagt, zweimal sei am ersten Abend ohne Buch so gut wie nichts.