Leseprobe für den dritten Winter
20 Oktober 2026 · 3 Min. Lesezeit
Heute Abend war die erste Leseprobe für den kommenden Winter, wie immer im Saal der Gaststätte, an zwei zusammengeschobenen Tischen unter dem Hirschgeweih. Wir waren vierzehn: neun Spielerinnen und Spieler, die Spielleiterin, Gerda als Souffleuse, Inge für die Kostüme und zwei Männer für die Bühne. Die Spielleiterin hatte zwölf Textbücher kopiert und gebunden, eins für jede Rolle, eins für sich, eins für Gerda und eins zur Reserve, das Hinnerk gleich in der ersten halben Stunde mit Kaffee bekleckert hat.
Das Stück spielt in einem Dorfladen, den eine junge Frau aus der Stadt übernehmen will, und im ganzen Dorf hat jeder eine Meinung dazu. Mir hat die Spielleiterin zwei Rollen angeboten: die alte Ladenbesitzerin mit 136 Sätzen oder ihre Schwester, die nur im zweiten Akt auftritt. Ich habe die Ladenbesitzerin genommen. Vor zwei Jahren hätte ich die Schwester gewählt und gehofft, dass ihr noch ein paar Sätze gestrichen werden.
Bei meiner ersten Leseprobe vor zwei Jahren musste ich mir elf Wörter erklären lassen. Heute waren es zwei, beide aus dem Platt der Küste, das bei uns im Ammerland sonst keiner spricht. Und ich habe in diesem Jahr etwas getan, was ich früher nie getan hätte: Ich spreche mit den älteren Kunden unserer Baumschule am Telefon Platt, wenn sie damit anfangen. Die meisten freuen sich. Einer hat gefragt, aus welchem Dorf meine Oma stammte, und kannte sie noch.
Die Zahlen nach zwei Wintern:
- zwei Rollen, 259 Sätze, alle auf Platt;
- fünfzehn Vorstellungen vor zusammen 2.757 Zuschauern;
- ein Hänger von vier Sekunden und eine übersprungene Seite;
- gut siebzig Proben, dienstags und freitags, jeweils vom Herbst bis in den Januar.
Ab nächster Woche wird wieder geprobt, und die Premiere ist am 23. Januar. Die Karteikarten habe ich schon gekauft, diesmal in Gelb.